Franzobel

Die Reise in den Himmel

Für die noch immer schi-, gondel-, und kunstfahrende Linde Waber

Franzobel

 

Schwarzblau ist das Firmament, flockt aus. Ernste Wolken stehen am Horizont, Donnergrollen, das in der Ferne schon frohlockt. Doch du missachtest das, läufst, wie du immer schon gelaufen bist, läufst, weil dir die Zeit fehlt, rennst in die Station, wo es zum Himmel geht, siehst, wie kirschrot »1 Minute« auf der digitalen Anzeige brennt, hetzt die Waschbetontreppen rauf, rufst »komm schon« Richtung Digitalanzeige, womit du sonst Auto oder Computer anfeuerst, wenn sie bocken, »komm schon«, siehst den Gondelführer, seine Ziegenbeine, deutest ihm, der eben das zitronengelbe Gitter schließen will, lächelst ihn an, läufst, wie du immer schon gelaufen bist, »komm schon«, schlüpfst durch ein Drehkreuz, springst in die Gondel, siehst das schwarze Rippblech unter dir und keuchst, ch, keuchst, chst, keuchst, während der Gondoliere das Gitter schließt, die Tür verriegelt und in einen Telefonhörer flüstert, dass es soweit sei, man jetzt bereit wäre. »Voll«, sagt er, als das andere Ende der Leitung frägt, ob Leute in der Gondel sind. »Voll!« Dann lacht er und murmelt: »Aber die verstehen mi net.« Was für eine Sprache? Wie eine Dachluke kommen dir diese Wörter vor, ein Spalt in ihn hinein, ins Innere des Gondelführers, der immer mehr einem Ziegenbock zu gleichen scheint: hageres Gesicht, knochige Formen, bloß die Hörner fehlen noch.

Sonst sind nur Urlauber in der Gondel, Freizeitmenschen, die in ihrer Skiausrüstung aussehen wie wandelnde Heizdecken oder Thermoskannen. Alle hellrosa Lippen und kiloweise Sonnencreme im Gesicht, verbrannte Nasen. Da macht es einen Ruck, setzt sich die Mechanik in Bewegung, greifen Zahnräder ineinander, knackst und rumort es, laufen Seile über Winden, große Räder, hebt die Gondel an, sacht erst, so als wollte sie sich raustasten wie ein verschreckter Schildkrötenkopf, vorbei an hölzernen, mit Schrammen gesprenkelten Leitplanken, schneller dann, du merkst, wie sich alles hebt, es aufwärts geht, siehst die schrumpfende Talstation, und spürst, wie dir der Boden unter den Füßen weggezogen ist, du in der Luft liegst wie eine fliegende Schildkröte, nur ist dein Panzer ein Kartenhaus aus Glas und dünnem Blech. Dafür brauchst du deinen Kopf nicht einzuziehen, kannst hinaussehen, siehst, wie die letzten Lärchen, die einzigen diesem Klima standhaltenden Bäume, kleiner werden, wie die Talstation, die davor geparkten Autos bald Spielzeuggröße haben, und schon fallen dir all die Seilbahnunglücke der letzten Zeit ein, der Düsenjäger, der in Südtirol ein Seil durchschnitt, der Lasthubschrauber, dem ein Betonkübel entglitt, welcher eine Gondel traf; der Stromausfall, der Brand, die lose Halterung, die Vergessenen. Katastrophen und menschliche Tragödien, die dich nie tangierten, weil du nie in einer Seilbahn warst, nie hoch hinaus wolltest, dich Gipfel niemals interessiert haben.

Jetzt ist es zu spät, jetzt bist du heimgesucht, hängst drinnen, bist gefangen und kannst nicht glauben, wie du so naiv, so dumm sein konntest, in eine Gondel einzusteigen und zu vertrauen. Einer vielleicht verlotterten Seilbahngesellschaft, besoffenen Technikern, gewinngeilen Aktionären? Einem höllisch unwahrscheinlichen Mechanismus, einem wahnwitzigen Versprechen? Langsam dämmert dir: Du bist verloren. Siehst zum Gondelwart, der keine Regung zeigt, selbst sein brotfarbener Bart ist wie versteinert. Da hast du dir was Schönes eingebrockt. Du hörst wen lachen. Die anderen Passagiere machen Witze, die du nicht verstehst. Niemand in dieser Ausgelassenheit scheint gefasst, den Ernst zu spüren, niemand scheint zu registrieren, dass ihr nur an einem Seil hängt, an einem einzigen! Einem Seil, von dem keiner weiß, wie es beisammen ist. Was, wenn Seilfraß an ihm nagt? Kleine Kabelfressertiere? Was, wenn es verwunschen ist? Die letzte Wartung schlampig war? Hüpft es aus der Rolle, gibt es Sabotage? Diebe? Ein Attentat? Da hast du dir was Schönes eingebrockt.

Der Gondoliere steht da wie eine Stewardess. Seine langen, gebogenen Zähne blitzen aus dem Bartgeflecht. Gelbe Hundezähne, und dir fallen die kurzen Zahnstummel deiner dicken Wirtin drunt im Tale ein. Ob Gondelfahren die Zähne wachsen lässt? Um im Falle eines Unglückes nach dem Seil zu schnappen, sich daran festzubeißen? Passen sich nicht alle Arten ihrer Umwelt an, gibt es nicht Schmetterlinge mit Tigeraugen auf den Flügeln, Zebras mit Baumschatten-Bemalung, sandfarbene Fische? Bald wird es Tiere geben, die aussehen wie Radarfallen, weggeworfene Spritzen oder benützte Kondome. Warum also nicht auch Gondelführerzähne?

Der Ziegenbock verrät nicht die geringste Regung. Als ein Windstoß auf die Gondel drückt, es leicht zu schaukeln anfängt, lächelt er. Ob man hier seekrank wird? Oder sind das erste Anzeichen des Höhenrausches? Angeblich macht einen die Höhe nicht nur schwindelig, sondern auch verrückt. Du fühlst dein Blut, wie es pulsiert, wie es klopft in deinem Fleisch, heraus will, deinen Körper schaukeln macht. Mit 100 »Komm schon«-Schreien rast dein Puls, ein Schweißfilm spannt sich über deine Haut und in den Augen hängt die Angst, die gnadenlose, kaltherzige Angst. Wie die englische Königin sitzt sie in dir, hat ihr Krönchen auf, trinkt Tee mit einem Tröpfchen Milch und verkündet ohne ihre strenge Miene zu verziehen: Protokoll ist Protokoll ist Protokoll. Das verlangt die Tradition.

In der Tiefe stehen die schroffen, aus dem Schnee ragenden Felsen, dunkelgraue, proletarische Gesellen voller Risse, die Grimassen schneiden und dir zurufen: »Komm nur! Fall herunter! Trau dich! Komm!« Schwarzes Wasser tropft aus ihren Poren, schwarz wie Jesusblut am Golgatha. Schwarz wie ihre tiefen Furchen, die das raue Klima eingegraben hat. Du überlegst, wie im Fall des Falles diese Steinspitzen das dünne Blech der Gondel schlitzen würden, aufschneiden wie Kinder eine Getränkedose oder Eselsschwänze eine Jungfrau.

Dohlen kreisen an den Felsen. Kreischen. Werben um den Fortbestand der Schöpfung. Auspizien wofür? Die müssen sich in keine Seilbahn stellen. Ihre ausgestopfte Artgenossin fällt dir ein, die im Stüberl deiner Wirtin zwischen Auerhahn und Rebhuhn hängt – unweit vom Elchgeweih, den 24 Krickerln, die mit Senkkopfschrauben an Jausenbrettchen montiert sind, so, dass die verzinkten Kreuzköpfe wie Augen in den Schädeln stehen. Was das will? Tierschädel in die Stube hängen? Ein heidnisches Fruchtbarkeitsritual? Besänftigung der Wildseele? Und die anderen Scheußlichkeiten? Ausgestopfte Bambis, Hexenpüppchen aus Kohlesäcken, steinerne Trolle, eine Kerze in Penisform, auf der steht: »Danke für 40 Jahre Gastfreundschaft«, ein grünes Blechschild mit »Bier unser«, dem Vater Unser der Biertrinker, Stickbilder und im Eck thronend über allem ein Fernseher, der die Menschen in der Welt sein lässt, die bestenfalls in sehr verzerrter Form als Heimatfilm und Musikantenstadl bis zu ihnen reicht.

Und jetzt, wo der Sturm anschwillt wie ein Penis vor der Scham, die Mechanik unerbittlich alles fortbewegt, die Gondel wie einen Betrunkenen wanken lässt, selbst den Abgebrühten in ihren schicken Schianzügen nichts mehr lustig ist, manche sogar beten, jetzt wärst du gerne wieder in dem Stüberl, diesem Urstand des Urigen, möchtest einmal noch all die wunderbaren Scheußlichkeiten sehen, die alte, dicke Wirtin mit den kurzen Zahnstummeln, der die Schweinsbraten und Knödel aus den Waden und Unterarmen gewachsen sind, deren Oberschenkel unwahrscheinlich sind, als würden kleine Fässer darin stecken, deren ganzer Körper wabbelig wie eine aufgeweichte, in ein Bierglas gefallene Semmel wirkt. Wie schön wäre sie jetzt, welch Wohlklang wäre ihre Jammerlitanei über das Ausbleiben der Gäste, dass auch die paar, die sich zufällig her verirren, nichts mehr essen, nur auf die Gesundheit schauen, Fitnessteller wollen, Salate und Gemüselaibchen, während früher Betriebsausflüge mittags dreimal den Saal füllten, sechs, acht Bedienerinnen gar nicht nachgekommen sind, all die Braten, Schnitzel, Speckknödel und Schnäpse zu servieren. Heute kommt kaum noch jemand, zieht nicht einmal ihr Topfenstrudel mit den extrafetten Bröseln Gäste an. Du aber siehst kein Stüberl, keine Wirtin, und du hörst auch keine Jammerlitanei, nur dein eigenes: Da hast du dir was Schönes eingebrockt.

Der Wind peitscht gegen die Gondel, verpasst ihr Schlag auf Schlag, reißt sie umher, kippt sie nach links, nach rechts, nach vor, zurück. Du zitterst, kotzt dich fast an. Soll das dein Ende sein? Keine gewöhnliche Gondelfahrt, und doch ein bisschen venezianisch, eine Reise in den letzten großen Seufzer, in die letzte lange Nacht. Deine Gondel ist zwar nicht schwarz und auch nicht asymmetrisch, auch singt der Gondoliere kein Volare, hast du weder Samtpölster noch schwarzlackierte Stühle unter dir, und doch bist du im Canale Grande. Unter keinen Brücken fährst du durch, musst keine Vaporettos fürchten, keine Fischerboote, und doch ist deine Gondel ein Fährschiff in die Welt der Schatten – im großen Kanal aller Vergänglichkeit.

Du blickst nach unten, kannst die Talstation nicht mehr erkennen, und auch oben, von der Bergstation, ist nichts zu sehen. Der Gondelführer, den das Schaukeln nicht zu irritieren scheint, hat kaum Knöpfe zur Verfügung: »Langsamer«, »Schneller«, »Türentriegeln« kannst du lesen. Er hat »Langsamer« gedrückt, doch nützt es nichts. »Ist das nicht gefährlich?«, fragst du. Er lächelt, sagt: »Ach wo. Allerdings ist so a Gondel wie a Frau, durchschauen kann man’s nie.« Wie eine Frau? So schlimm, denkst du. Sitzt in einer Madame, die ihre prämenstruelle Wallung hat, auszucken oder dich gebären muss. Du bist verloren. Alles schaukelt, Konvulsionen. Etwas schreit. Ist es in dir? Dein Mund? Du erschrickst, erstickst in dieser Stimme.

Die anderen Passagiere schweigen, nur ein kleines Grüppchen lacht, sagt, dass man hier Partys geben müsste, mit Salonmusik, Champagner, Kaviar, und wenn jemandem übel wird, kann er praktischerweise gleich in die Aussicht kotzen. Das Leben eine Gondelfahrt? War nicht der Start ein großer Anbeginn, und hängt nicht auch das Dasein oft an Schicksalsfäden, an der Hoffnung, dass man rauf gezogen wird?

Nun seid ihr in eine Nebelsuppe eingetaucht. Ist nichts mehr zu erkennen, nur, dass die Gondel nicht mehr vorwärts fährt, sondern steht, wenn sie nicht runterfällt, zumindest kommt es dir so vor. Warum nur bist du eingestiegen. Warum? Wie konntest du vertrauen? Einer Technik, einem Fortschritt, dem Gerede von der neuen Zeit? Nun bereust du. Bereust entsetzlich. Du bedauerst, vieles nicht getan zu haben, immer eine Ausrede gehabt, deine Talente vergeudet zu haben, bereust jede verpasste Gelegenheit, alles, was du stets verschoben hast, du schwitzt, schwitzt die Unendlichkeit heraus. Alles, was du getan hast, alles, wofür du jemals eingestanden bist, ist plötzlich ganz weit weg. Alles, was du bist und warst, ist unwichtig, lächerlich, absurd. Bald bist du nur noch ein Name in der Zeitung. Gebrochen werden deine Knochen sein, eine Unzahl kleiner Splitter, und dein Fleisch wird eingedrückt, zusammengefaltet wie eine ausgetretene Luftmatratze sein. Wie ein überfahrenes Tier wirst du aussehen, ein verzerrtes, lächerliches Abbild deiner selbst. Was bleiben wird, ist eine Todesanzeige in der Zeitung, Trauer und sonst nichts.

Auch die anderen Passagiere sind nun still, blicken den Gondoliere böse an, ahnen nun wohl auch, dass er ihr Todesfahrer, ihr Fährmann in das Reich der Schatten ist. Du spürst, wie ihr Hass sich steigert, wie sie »Teufel« murmeln, »Leibhaftiger«, ihre Skistöcke umfassen. Da macht sich einer Luft, schreit in einer unbekannten Sprache, brüllt den Gondelführer an, der sich nicht regt, mit seinen daumenlangen Zähnen, seinen trüben Augen gleichgültig ins Leere starrt, sich nicht einmal entschuldigt für die ruckartigen Bewegungen, die nun von einem lauten Hui und Ach begleitet werden.

Die meuternden Passagiere haben ihre Skibrillen über das Gesicht gezogen, sehen wie Banditen aus, wie Fleisch und Blut gewordene Verzweiflung. Räuber, die ihr eigenes Leben stehlen wollen. Sie wollen nicht aufgeben, die Gondel erobern, umkehren, um ihr Leben streiten. Aber wie denn? Selbst wenn sie den satanischen Ziegenbock überrumpeln, wird die Gondel von der unsichtbaren, grausamen Mechanik rauf gezogen, raus aus dieser Welt. Doch so weit denkt man nicht.

Schon hat sich einer auf den Gondoliere geschmissen, ihn in den Würgegriff genommen, ein Stück Ohr ihm abgebissen, ein anderer schreit, dass er nicht sterben will, nicht kann, noch leben muss, drischt dabei auf den Bediensteten der Seilbahngesellschaft, dessen lange Zähne bald eingedrückt nach allen Seiten stehen wie ein Mikadospiel, während ein dritter mit Sonnencreme um sich spritzt. Die Gondel schaukelt wild. Einer hat ein Fenster aufgekriegt und kotzt hinaus. Ein anderer trinkt Zirbenschnaps und jodelt, während sich ein Pärchen, das sich zu Beginn der Fahrt noch fremd gewesen war, wild umarmt, küsst und scheinbar viel ineinander zu tut gefunden hat.

Der Gondelführer versucht sich zu befreien, will den Telefonhörer erreichen, aber Passagiere beißen sich in seinen Füßen fest, schreien in Todesangst, schlagen auf seinen Gondelführerziegenschädel, dass Blut wie aus einer zergatschten Kirsche spritzt, brüllen, bis man etwas knacksen hört. Draußen blitzt und donnert es, herinnen aber bricht ein Schädel wie die Schale eines Krebses, wird dem sich windenden Stellvertreter der Seilbahngesellschaft, dem Papst der Gondel, in die Nieren und den Bauch getreten, immer wieder, wieder und wieder, bis er endlich Ruhe gibt, sein schönes dunkelblaues Käppi mit der gelben Schrift in einer großen roten Lache liegt. Jetzt packt man ihn, hebt ihn mit Hauruck zum Fenster und wirft ihn in den Nebel, sein Schuh verfängt sich, krallt sich fest, es ist ein Pferdefuß, dazu der Schwanz, tausend Klammerarme wachsen aus ihm raus, auch seine Zähne beißen sich noch einmal wie ein irrwitzig wütender Hund, aber nein, man kann ihn raus bugsieren. Er fällt mit seinen roten Augen und fällt mit seinem Blick und fällt und fällt. Da reißt der Nebel auf, siehst du ihn mitsamt blauem Anorak, Jeans und Bergschuhen in die Tiefe stürzen. Ein Schrei hängt an ihm dran. Ein Schrei wie der Schweif eines Kometen.

Kaum ist er verzogen, sticht die Sonne raus, blickst du zur Bergstation, siehst einen strahlend blauen Himmel, unter dem sich weiße, gezuckerte Gipfel tummeln. Eine Pracht von Schneelandschaft, göttliches Panorama. Und du siehst die anderen Passagiere, die nun wieder Witze machen, fröhlich sind. Und auch der Gondoliere, kommt es dir vor, steht wie eh und je an seinem Platz mit den drei Knöpfen, sieht dich an und sagt mit einer Stimme voller Frieden: »Was man in den Bergen lernt, ist zu vertrauen.«

Du steigst aus, siehst schwarze, im Wind schaukelnde Gondeln, Skifahrer, die lustig zu ihren Pisten stapfen, lachen, eine Schneeballschlacht machen. Das Schild zum Restaurant mit abgebildeten Gerichten: Schweinsbraten, Gulasch, Schnitzel und eine abgeschnittene, mit Mohn bestreute Brust. »Germknödel« steht daneben. Ob du dem vertraust?

Etwas später kommt im Schritttempo die nächste Gondel, Männer der Seilbahngesellschaft mit kurzen Hosen stehen ihr am Dach, hängen an der Halterung, kontrollieren so das Seil. »Oh my god!«, kreischt eine Touristin, »oh my god!«, und auch dir wird schon vom Hinsehen schlecht. Ob das nicht wahnsinnig gefährlich ist? »Aber wo«, sagen die Männer, lachen, »wir sind das gewohnt. Man darf sich halt nicht fürchten.«

Franzobel und Bodo Hell in Wabers Atelier
Tageszeichnung mit Franzobel
Tageszeichnung mit Franzobel
Tageszeichnung mit Franzobel